Hans Stumme

"Hans Stumme, gutgestellter Bürgermeistersohn aus Mittweida, war ein sehr sprachbegabter Orientalist, der durch sein sympatisches und gütiges Wesen beeindruckte. Seine wissenschaftliche Stärke lag in der phonetisch getreuen Niederschrift gehörter Texte und in deren Auswertung für die deskriptive Grammatik. Neben der Beschäftigung mit subsaharischen afrikanischen Sprachen und dem Türkischen machte sich der Weitgereiste besonders mit seinen Arbeiten zu den arabischen Dialekten und dem Berberischen verdient.

Gratis veranstaltete er vom Wintersemester 1902/03 an bis zu seiner Emeritierung am 01. 04. 1930 als Honorarprofessor für Neuarabisch und hamitische Sprachen Afrikas jedes Semester neuarabische und afrikanische Übungen. Doch betätigte er sich auch auf dem Gebiet des klassischen Arabisch, wo er ... die verschiedensten Texte in seinen Kollegs behandelte.

Neuartig war auch Stummes Bemühen, nichtorientalische Kreise unter den Philologen anzusprechen, indem er mehrfach über die arabischen, persischen und türkischen Fremdwörter im Deutschen und in den romanischen Sprachen las ..."

(vgl.: Brauner, S., Die Entwicklung der Afrikanistik an der Universität Leipzig. Progressive Traditionen der Orientalistik in Leipzig. Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, 28. Jahrgang (1979), Heft 1, S. 87 ff.,)

Seine akademischen Studien begann er in Leipzig, wo Ludolf Krehl - ihm verdankt Stumme vor allem seine Kenntnisse des Arabischen und der semitischen Sprachen Äthiopiens - , Albert Socin, der ihn vorrangig mit den arabischen Dialekten und dem Türkischen vertraut machte, und der Assyriologe und Semitist Friedrich Delitzsch seine Lehrer waren.

In seiner insgesamt 35 Jahre währenden Lehrtätigkeit war Stumme auf dem Gebiet der semitisch-hamitischen Sprachen und im weiteren Sinne der Orientalistik ausserordentlich vielseitig. Er hielt u. a. Vorlesungen über klassisches Arabisch und klassische arabische Literatur, modernes Arabisch und arabische Literatur sowie arabische Dialekte von Marokko bis Ägypten, Persisch und Neupersisch, Türkisch, Maltesisch, Äthiopisch (Ge´ez), Berbersprachen und andere Sprachen Afrikas, darunter insbesondere Swahili und Hausa, ferner Tatarisch und Ungarisch. In den Mittelpunkt seiner Vorlesungstätigkeit stellte Stumme besonders gern die gesprochene Sprache. Schon in seinem ersten Vorlesungsjahr, nämlich 1896, las er in arabischer Sprache über "Neuarabische Volksüberlieferungen". Seine Vorlesungen in Arabisch wurden bald zu einer festen Tradition; er handelte vor allem landeskundliche und kulturelle Themen ab, so beispielsweise das Volksleben im Maghreb und das Leben der Landbevölkerung dort, das Handwerk bei den Arabern, die Sahara und viele weitere Themen. Erwähnenswert ist, dass er sich im Laufe der Zeit ganz besonders auf das Studium und die Lehre der Berbersprachen konzentrierte. Als sein bedeutendstes Werk auf diesem Gebiet kann bis heute sein berühmtes "Handbuch des Schilhischen von Tazerwalt" gesehen werden.

Zudem verdient Stummes Beschäftigung mit den Sprachen des transsaharischen Afrika große Beachtung. Schon ab 1896 lehrte er regelmäßig Swahili, ab 1900 in größeren Abständen auch Hausa. Seit 1902 führte er im Rahmen des Semitistischen Instituts neben den bekannten "Neuarabischen Übungen" auch die Fächer "Afrikanische Übungen" und "Afrikasprachliche Übungen" durch. Obwohl in deren Mittelpunkt sehr häufig Berbersprachen und/oder das Äthiopische standen - Grenzgebiete zwischen Orientalistik und Afrikanistik - wurden hier auch Swahili und Hausa als wichtige afrikanische Sprachen gelehrt. Im Übrigen war Stumme viel zu sehr Orientalist, als dass er sich ausschließlich mit der Afrikanistik, einer in jenen Jahren erst ganz jungen Disziplin, beschäftigt hätte.

Stumme versuchte stets, ein objektives, wahrheitsgetreues Bild von den orientalischen und afrikanischen Völkern zu vermitteln. Ihm ging es, fernab von jeglicher rassistischer oder wie auch immer gearteter Arroganz, um die wissenschaftliche Erkenntnis um Leben und Kultur der orientalischen Völker.

Stummes wissenschaftliche Tätigkeit erstreckte sich weit über den universitären Rahmen hinaus. Im Jahre 1912 ernannte ihn die Königlich Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig zum ordentlichen Mitglied. Der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft war er übrigens schon als Student beigetreten. Im Jahre 1908 wird er in den Vorstand der Gesellschaft gewählt, ab 1919 übernahm er die verantwortliche Redaktion der Zeitschrift und gemeinsam mit Ernst Windisch das Amt des Geschäftsführers in Leipzig. Er unternahm außergewöhnliche Anstrengungen, um den Ruf der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft als wissenschaftliches Zentrum der Orientalistik zu festigen. Diese Ämter übte er bis zum Jahre 1921 aus. Gründe für das Niederlegen sämtlicher Ämter lagen sicher nicht vordergründig in gesundheitlichen Beschwerden, sondern in einer gewissen Resignation vor den in Deutschland eingetretenen Entwicklungen. Dies galt u. a. hinsichtlich deutscher Außenpolitik und Diplomatie, die gedeihlich zu fördern und - geprägt von der Achtung vor den Völkern - wissenschaftlich zu begleiten sich auch die Deutsche Morgenländische Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben hatte ...

Seiner vielfältigen Lehrtätigkeit ging er bis zu seiner Emeritierung 1930 nach, und auch nach seiner Emeritierung brachte Stumme seine Verbundenheit zur Leipziger Universität auch in einem Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät zum Ausdruck, in dem es hieß:

"... Ich werde stets gern an unsere Universität zurückdenken, werde die Geschichte ihres Lehrkörpers und die Weiterentwicklung der einzelnen Lehrgänge mit Interesse verfolgen ..."

(vgl.: Brauner, S., Die Entwicklung der Afrikanistik an der Universität Leipzig. Progressive Traditionen der Orientalistik in Leipzig. Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, 28. Jahrgang (1979), Heft 1, S. 87 ff.,)

Werke u. a. :

  • "Elf Stücke im Schilha-Dialekt von Tazerwalt" In: ZDMG. 1894. Bd.48
  • "Märchen der Schluh von Tazerwalt", 1895
  • "Dichtkunst und Gedichte der Schluh", Leipzig 1895
  • "Neue tunisische Sammlungen", Zeitschrift für Afrikanische und Oceanische Sprachen", Bd. 2., Berlin, 1896
  • "Grammatik des tunisischen Arabisch mit Glossar", Leipzig, 1896
  • "Handbuch des Schilhischen von Tazerwalt", Leipzig 1899
  • "Eine sonderbare Anwendung von Akkusativkonfixen im Berberischen" In : Festschrift Meinhof. Hamburg 1927. S. 81-87
  • "Mitteilung eines Schilh über seine marokkanische Heimat" In: ZDMG. 1907 Bd.61. S. 503-541
  • "Sidi Hammu als Geograph" In: Orientalische Studien. 1906. T.1 S.445-452
  • "Metrische Fragen auf dem Gebiet der berberischen und hausanischen Poesie" In: ACIO 13. S. 351-353
letzte Änderung: 03. Mai 2011